Saṃyutta Nikaya 22

Die Daseinsgruppen

100. Der Lederriemen II

So habe ich gehört. Einst weilte der Erhabene zu Sāvatthī, im Jeta-Hain, im Kloster des Anāthapindika.

Dort wandte sich der Erhabene an die Mönche: „Ihr Mönche!“—„Ja, o Herr“, antworteten jene Mönche dem Erhabenen. Der Erhabene nun sprach also:

„Unausdenkbaren Anfangs, ihr Mönche, ist dieser Daseinskreislauf. Nicht ist ein Beginn zu erkennen der durch das Nichtwissen gehemmten Wesen, der im Begehren verstrickten, der wandernden, kreisenden.

Es ist, ihr Mönche, wie wenn ein Hund mit einem Lederriemen an einen starken Pfosten oder Pfeiler angebunden ist: wenn er geht, so geht er im Bereich eben dieses Pfostens oder Pfeilers; wenn er steht, sitzt, sich niederlegt, so tut er es eben im Bereich dieses Pfostens oder Pfeilers.

Ebenso, ihr Mönche, ist es mit einem unerfahrenen Weltmenschen. Der betrachtet die Körperlichkeit in solcher Weise: ‚Dies ist mein, das bin ich, das ist mein Selbst.‘ Er betrachtet das Gefühl—die Wahrnehmung—die Gestaltungen—das Bewußtsein in solcher Weise: ‚Dies ist mein, das bin ich, das ist mein Selbst.‘ Wenn er geht, so geht er im Bereich der fünf Gruppen des Anhangens; wenn er steht, so steht er im Bereich der fünf Gruppen des Anhangens; wenn er sitzt, so sitzt er im Bereich der fünf Gruppen des Anhangens; wenn er sich niederlegt, so liegt er im Bereich der fünf Gruppen des Anhangens.

Daher, ihr Mönche, soll man häufig den eigenen Geist betrachten. Lange Zeit ward dieser Geist befleckt durch Gier, durch Haß, durch Verblendung. Geistesbefleckung, ihr Mönche, verunreinigt die Wesen, Geistesklärung läutert sie.

Habt ihr einmal, o Mönche, ein Gemälde gesehen, das man ‚das Wanderbild‘ nennt?“—„Ja, o Herr.“—„Dieses Gemälde, ‚das Wanderbild‘ mit Namen, aufgrund des Geistes eben, ihr Mönche, ist es in so mannigfaltiger Weise gemalt. Doch, ihr Mönche, mannigfaltiger noch als dieses Gemälde, ‚das Wanderbild.‘ ist der Geist.

Daher, ihr Mönche, soll man den eigenen Geist häufig so betrachten: ‚Lange Zeit ward dieser Geist befleckt durch Gier, durch Haß, durch Verblendung.‘ Geistesbefleckung, ihr Mönche, verunreinigt die Wesen, Geistesklärung läutert sie.

Nicht sehe ich, ihr Mönche, auch nur eine andere Gruppe (von Lebewesen), die mannigfaltiger wäre als die Lebewesen des Tierreiches. Diese Lebewesen des Tierreiches, ihr Mönche, aufgrund des Geistes eben sind sie in so mannigfaltiger Weise gestaltet. Doch, ihr Mönche, mannigfaltiger noch als diese Wesen des Tierreiches ist der Geist.

Daher, ihr Mönche, soll man häufig den eigenen Geist so betrachten: ‚Lange Zeit ward dieser Geist befleckt durch Gier, durch Haß, durch Verblendung.‘ Geistesbefleckung, ihr Mönche, verunreinigt die Wesen, Geistesklärung läutert sie.

Wie wenn, ihr Mönche, ein Färber oder ein Maler mit Farbe oder Lack, gelb, blau oder rot, auf wohlgeglätteter Holztafel, auf einer Wand oder auf einer Leinwand das Bild einer Frau oder eines Mannes gestalten würde: ebenso, ihr Mönche, läßt der unerfahrene Weltmensch immer wieder eben Körperlichkeit entstehen, läßt er immer wieder eben Gefühl, Wahrnehmung, Gestaltungen und Bewußtsein entstehen.

Was meint ihr, o Mönche: Ist die Körperlichkeit unvergänglich oder vergänglich?. .. “ (= 59)